Neue Osnabrücker Zeitung: Geglückter Spagat zwischen Ekel und Eleganz

Von Tom Bullmann

Ein Blick durch die Fenster im Erdgeschoss der Villa Stahmer suggeriert: Hier findet zurzeit eine Marmor-Skulpturenausstellung statt. Figuren auf Podesten und an der Wand sind zu sehen. Tritt der Besucher ins Innere der Villa, so erlebt er eine Überraschung. Was von weitem wie grau-weißer Marmor wirkt, ist in Wirklichkeit mit Strumpfhosenmaterial überzogene Watte.

"Innen und Außen" heißt die aktuelle Ausstellung der Villa Stahmer in Georgsmarienhütte. In zwei Räumen zeigt die Osnabrücker Künstlerin Christine Wamhof Werke, die sich auf ungewöhnliche Art mit dem Thema Körper befassen. "Innen" bedeutet bei ihr: Sie nimmt medizinisches Bildmaterial als Ausgangspunkt, beispielsweise das Foto vom Inneren eines Gefäßes oder das einer Zahnwurzel. Diese Abbildungen reproduziert, vergrößert und vervielfältigt sie, reduziert sie so zu Formkürzeln, ordnet diese wiederum zu Clustern, die geradezu dekorative Qualitäten entwickeln. Eine Tapete, deren Muster sich aus Zahnabbildungen samt Füllung zusammensetzt? Ein Hakenwurm, der sich im Darmtrakt ausbreitet und sein Unwesen treibt, als Element serieller Kunst? Ein Wandbild, deren Einzelteile eigentlich ein gefährliches Krankheitsbild visualisieren?

So geschieht es in der Collage "Gefäßwandzerreißung des vorderen absteigenden Kranzschlagaderastes". Wamhof hat das Beweisfoto für die meist todbringende Krankheit vergrößert, gedoppelt und in zwölffacher Anordnung zu einem abstrakten Kunstwerk gemacht. Da zerreißt nicht nur die Schlagader, mental zerreißt es auch den Betrachter - vorausgesetzt, er hat obige Informationen erhalten. Denn warum sollte man solche Bildinhalte als ästhetisch empfinden? Aber indem sie Inhalte aus dem realen Kontext herauszerrt, schafft Wamhof den Spagat zwischen Ekel und Eleganz.

Auch im zweiten Raum, der sich dem Thema "Außen" widmet, arbeitet sie mit krassen Gegensätzen. Die Objekte erscheinen hart, sind tatsächlich aber weich. Man will sie unwillkürlich anfassen. Das haptische Erlebnis irritiert. Und was hier mit "Viola Elegant" bezeichnet wird, ist alles andere als "elegant". Es hat seinen Namen von der Artikelbezeichnung einer Strumpfhose. Die Nylon-Watte-Figuren zeigen etwas Menschliches, Gliedmaßen sind erkennbar, Hinweise auf erogene Zonen - jedoch reduziert, nahezu verstümmelt. Das fordert den Betrachter heraus und provoziert Fragen: Was stellen wir mit unserem Körper an? Wie kleide ich ihn? Was ist schön? Was ist Innen? Wie ist Außen?

Villa Stahmer, Georgsmarienhütte: "Innen und Außen". Malerei und Objekte von Christine Wamhof.

10.02.2005

Go back